ARGE Besucherlenkung

Eine regionale Arbeitsgruppe mehrerer Interessensgruppen 
für ein respektvolles Miteinander zwischen Mensch und Natur

Die Arbeitsgemeinschaft „ARGE Besucherlenkung“ wurde im Zuge des 1. Gipfels „Besucherlenkung im Naturpark Attersee-Traunsee“ gegründet mit dem Ziel, eine zeitgemäße und funktionierende Besucherlenkung zu entwickeln und ein „Respektvolles Miteinander“ zu fördern.

Von den Nutzergruppen Gemeinden, Bewirtschafter, Forst und Jagd, Tourismus, Freizeit und Sport sowie Naturpark und Regionalentwicklung sind jeweils zwei Personen in der Arbeitsgruppe vertreten. In den kommenden Monaten werden weitere Grundlagen erhoben, Begehungen durchgeführt, Maßnahmen entworfen und die Machbarkeit, Organisation und Finanzierung abgeklärt um schließlich ein fertiges Konzept für ein „Respektvolles Miteinander“ zu entwickeln. 

Ökosystem Wald - Lebensraum unter Druck

Die aktuelle Situation schränkt unsere Mobilität derzeit in besonderem Maße ein. Die meisten Menschen verzichten aus unterschiedlichen Beweggründen auf Reisetätigkeiten ins nahe oder ferne Ausland. Naherholungsräume werden daher neu entdeckt und stark frequentiert - gemütlich zu Fuß, sportlich als Nordic Walker, mit dem Rad oder dem E-Bike. Im Umkreis von 25km rund um den Naturpark sind 65 Gemeinden und 3 Städte angesiedelt. Das sind etwa eine Fünftel Million Menschen. Für viele ist der Naturpark Attersee-Traunsee das erste größere Waldgebiet, das sich für die verschiedenen individuellen Tätigkeiten eignet.

Dass eine solche Menge von Erholungssuchenden nicht ohne Auswirkungen auf den Lebensraum Wald bleibt, liegt auf der Hand. Genau diese Auswirkungen wurden in einer Studie von Samuel Auer BSc. an der Universität für Bodenkultur untersucht. Die Forschungsfrage befasste sich mit der Auswirkung von illegal benutzten Forststraßen auf die umliegenden Lebensräume. Die Ergebnisse sind dramatisch! Eine Schweitzer Studie belegt, dass Rehe den Raum links und rechts eines stark genutzten Weges in der Distanz von durchschnittlich 160m als permanenten Lebensraum meiden. Sie halten sich zwar durchaus kurzzeitig darin auf, stehen dort aber unter Stress und ziehen sich schnell wieder in die weiter entfernten Zonen zurück. Unter diesem Aspekt ist es durch eine gezielte Besucherlenkung möglich genug Restlebensraum für eine ungehinderte Waldentwicklung zu bewahren (siehe Bild 1).

Ein erhebliches Problem entsteht aber durch die unkontrollierte Nutzung von nicht für den Tourismus freigegebener Wege. Laut der vorliegenden BOKU-Studie ist die Frequenz der Radfahrer dort nämlich mindestens gleich hoch wie auf den erlaubten – mit dramatischen Konsequenzen für den Wald! Die Tierwelt wird auf ein Minimum der Waldfläche konzentriert (siehe Bild 2) und gefährdet dort jegliche natürliche Reproduktion des Waldes. Eine Totalreduktion aller Pflanzenfresser wäre für einige vielleicht naheliegend, würde aber zu derzeit nicht absehbaren Folgen und langfristig wohl zu einer weiteren Destabilisierung des Ökosystems führen. Zu wenig sind die Abhängigkeiten erforscht. Die Lösung kann also nur in einer Koexistenz zwischen Mensch und Wald in Form einer überlegten Besucherlenkung zu finden sein!

Die meisten Menschen fühlen sich zu dieser Thematik aber kaum angesprochen, sie sehen darin lediglich forstliche und eventuell jagdliche Probleme, nichts aber was die eigene Lebenswelt betrifft! Und genau darin liegt ein massiver Irrtum vor!
Wir leben derzeit nicht nur in einer Zeit in der ein Virus uns in Atem hält, sondern auch in einer gefährlichen Lebensraumveränderung. Der menschengemachte Klimawandel stellt uns vor Fakten deren tatsächliche Auswirkungen wir derzeit kaum absehen können. Einen Vorgeschmack haben wir gerade in Trockenjahren, Sturmkatastrophen und Borkenkäfer-Kalamitäten erlebt. Unser Fichten-lastiger Wald kann der zunehmenden Erwärmung der Atmosphäre nicht mehr standhalten. Ein Phänomen das seit Jahrzehnten vorausgesehen, aber bislang meist ignoriert wurde. Im wahrsten Sinne des Wortes angeheizt wird die Erderwärmung zusätzlich durch die unkontrollierte Rodung des tropischen Regenwaldes, der „Lunge“ der Erde.

In Anbetracht dieser weltweiten ungebremsten Waldvernichtung werden wir zunehmend gezwungen sein, unsere lokalen Waldlebensräume neu zu bewerten und für die Zukunft zu rüsten. Nur ein stabiles, funktionierendes, artenreiches Ökosystem hat eine Chance den Klimawandel zu kompensieren. Wald wird künftig nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sein, sondern elementare Funktionen unserer Existenz übernehmen müssen: Wasserspeicher, Klimakompensation und Erholungsraum!
Jeder, der sich im Wald bewegt, trägt dafür Verantwortung, ob bzw. wie gut und wie schnell die Stabilisierung des Ökosystems Wald voranschreitet. Es wird künftig neben einer massiven Informationskampagne ein Regelwerk brauchen, das den Wald als Erholungsraum zugängig macht, aber auch abseits der menschlichen Aktivitätszonen ausreichend Refugien für die Entwicklung eines stabilen Lebensraumes bietet. Ohne funktionierende artenreiche Wälder steht die Existenz des Menschen auf dem Spiel – machen wir uns das bewusst!

Bild1

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Bild2

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Bild3

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Bild 1: Eine durchdachte kanalisierte Freigabe von Wegen für menschliche Aktivitäten erhält genug Restlebensraum für eine ungestörte Waldentwicklung.
Gelb: freigegebenes Wegenetz inklusiv der 160m Zone, die von Wild gemieden wird.

Bild 2: Durch die unkontrollierte Nutzung von Wegen werden zahlreiche Wildtiere auf inselartige Kleinst-Refugien konzentriert. Die Stabilität des Ökosystems Wald wird empfindlich gestört!
Gelb: frei gegeben Wege; rot: trotz Fahrverbot stark benutzte Wege.

 

 

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